Biografisches Schreiben bedeutet, gelebtes Leben in Worte zu fassen. Du hältst Erinnerungen fest, erzählst von Menschen, Orten und Erfahrungen und beschäftigst Dich damit, was sie für Dich bedeuten. Dabei kann eine ganze Lebensgeschichte entstehen. Oder eine einzige Seite über einen Nachmittag, den Du nie vergessen hast. Für den Anfang brauchst Du weder einen Buchplan noch besondere Schreiberfahrung. Du brauchst etwas, bei dem Du genauer hinsehen möchtest.
Vielleicht gibt es einen Satz, den Du noch heute im Ohr hast.
Einen Küchentisch, an dem Du sofort wieder sitzen könntest, wenn Du die Augen schließt.
Eine Entscheidung, bei der Du Dich manchmal fragst, was wohl passiert wäre, wenn Du anders entschieden hättest.
Da ist etwas.
Aber sobald Du es aufschreiben willst, wird es schwierig.
Wo anfangen? Was davon ist wichtig? Und interessiert das überhaupt jemanden?
Plötzlich soll aus einer Erinnerung ein guter Text werden. Vielleicht sogar ein Buch. Mit einem Anfang, einem roten Faden und möglichst einer tiefen Erkenntnis am Ende.
Ganz schön viel Verantwortung für einen leeren Zettel.
Dabei darf biografisches Schreiben wesentlich kleiner beginnen.
Was gehört zum biografischen Schreiben?
Du kannst über Deine eigene Geschichte schreiben. Über die Geschichte Deiner Eltern. Über einen Menschen, dessen Leben Du durch Gespräche, Briefe oder andere Dokumente kennenlernst.
In diesem Artikel geht es vor allem um Dein eigenes Leben. Genau genommen also um autobiografisches Schreiben.
Dazu gehören große Ereignisse: ein Umzug, eine Geburt, eine Trennung, ein Neuanfang.
Aber eben auch die anderen Dinge.
Wie Dein Vater die Zeitung zusammengefaltet hat. Welche Musik aus dem Zimmer Deiner Schwester kam. Warum Du einen bestimmten Weg nach Hause lieber gegangen bist als den anderen.
Solche Einzelheiten können viel erzählen. Über Nähe. Über Gewohnheiten. Darüber, wie sich Dein Leben damals angefühlt hat.
Du musst dafür nicht berühmt sein. Und Du musst auch nicht erst beweisen, dass Du genug erlebt hast.
Mich interessieren gerade die Geschichten, die man einem Menschen nicht ansieht. Was hinter einem scheinbar gewöhnlichen Lebenslauf steckt. Was jemand versucht, verworfen, verschwiegen oder irgendwann doch gewagt hat.
Das echte Leben hat schließlich selten die Freundlichkeit, sich schon beim Erleben in übersichtliche Kapitel einzuteilen.
Tagebuch, Autobiografie, Biografiearbeit: Was ist der Unterschied?
Die Begriffe liegen nah beieinander. Trotzdem helfen ein paar Unterscheidungen.
Im Tagebuch hältst Du häufig fest, was Dich gerade beschäftigt. Der Tag ist noch nah. Vielleicht weißt Du selbst noch nicht, was Du über ein Erlebnis denkst. Du schreibst es erst einmal auf.
Eine Autobiografie erzählt die eigene Lebensgeschichte rückblickend, meist über einen größeren Zeitraum. Du wählst aus, stellst Zusammenhänge her und entscheidest, was Leser über Dein Leben erfahren sollen.
Eine Biografie widmet sich dem Leben eines anderen Menschen. Dafür können Gespräche, Dokumente und weitere Quellen zusammenkommen.
Bei der Biografiearbeit steht die Beschäftigung mit der Lebensgeschichte im Mittelpunkt. Fragen stellen. Zusammenhänge betrachten. Sich mit dem eigenen Gewordensein auseinandersetzen. Schreiben kann dabei ein Werkzeug sein, ebenso wie Gespräche oder die Arbeit mit Bildern.
Biografisches Schreiben lässt Raum für unterschiedliche Formen. Eine kurze Erinnerung gehört genauso dazu wie ein längerer Lebenstext. Du musst Dich nicht gleich für ein vollständiges Buch entscheiden.
Die Übergänge sind fließend. Aus einem Tagebucheintrag kann später eine Geschichte werden. Eine Schreibübung kann eine Frage aufwerfen, mit der Du Dich weiter beschäftigen möchtest.
Für Deinen ersten Text brauchst Du diese Begriffe übrigens nicht auswendig zu lernen.
Du darfst einfach schreiben.
Erst der Mensch. Dann die Form.
Das ist für mich der Ausgangspunkt.
Bevor ich frage, wie viele Kapitel eine Lebensgeschichte haben soll, interessiert mich der Mensch darin.
Was möchtest Du erzählen?
Was lässt Dich nicht los?
Was soll jemand verstehen, der Deinen Text später liest?
Vielleicht möchtest Du Deinen Kindern etwas von Deiner Kindheit hinterlassen. Vielleicht möchtest Du einen Menschen festhalten, den sie nie kennenlernen konnten. Vielleicht willst Du endlich Worte für eine Zeit finden, über die Du bisher nur gesagt hast: „Das war schwierig.“
Diese unterschiedlichen Anliegen brauchen nicht automatisch dieselbe Form.
Manchmal reicht ein Brief.
Manchmal entstehen einzelne Geschichten, die irgendwann zusammengehören.
Und manchmal wird tatsächlich ein Buch daraus.
Du musst das Ergebnis nicht kennen, bevor Du den ersten Satz schreibst. Beim Schreiben kannst Du herausfinden, was Dein Stoff braucht und was Du selbst damit möchtest.
Wie aus einer kleinen Erinnerung eine Geschichte wird
Nehmen wir ein erfundenes Beispiel.
Jemand schreibt:
„In meiner Kindheit war ich oft bei meiner Oma. Sie hat gekocht, und ich habe ihr dabei zugesehen. Ich war gerne dort.“
Das ist verständlich. Wir wissen ungefähr, worum es geht.
Aber von dieser besonderen Küche und dieser besonderen Großmutter erfahren wir noch wenig.
Nun könnte die schreibende Person genauer hinsehen:
„Oma schob mir den kleinen Hocker an den Herd. Ich durfte die Kartoffeln ins Wasser legen. Eine nach der anderen, damit es nicht spritzte. Wenn ich fragte, wann das Essen fertig sei, sagte sie: Wenn es fertig ist. Dann schnitt sie mir schon mal ein Stück Brot ab.“
Da entsteht eine Szene.
Ein Hocker. Kartoffeln. Ein vertrauter Satz. Ein Stück Brot.
Vielleicht liegt genau darin die Bedeutung dieser Erinnerung: Jemand hatte Zeit. Jemand hat bemerkt, dass ein Kind Hunger hatte.
Vielleicht bedeutete der Nachmittag aber auch etwas ganz anderes. Das weiß nur die Person, deren Geschichte es ist.
Das Beispiel soll deshalb keine Vorlage sein, mit der jede Oma nachträglich gemütlich gemacht wird. Es zeigt, wie konkrete Einzelheiten eine Erinnerung für andere zugänglich machen können.
Für Deinen eigenen Text gilt: Nimm das, woran Du Dich tatsächlich erinnerst. Wo Du unsicher bist, darf das sichtbar bleiben. Du musst keine Lücke mit einem hübschen Detail füllen.
Wie Du mit biografischem Schreiben beginnst
Für den Einstieg würde ich die Aufgabe überschaubar halten. Eine Erinnerung. Ein wenig Zeit. Ein erster Text.
1. Wähle etwas Konkretes.
„Meine Kindheit“ ist riesig.
„Der Platz unter dem Küchentisch“ ist greifbarer.
Du könntest mit einem Gegenstand beginnen, einem vertrauten Weg oder einem Besuch. Wähle etwas, dem Du Dich heute zuwenden möchtest.
2. Sammle zunächst Einzelheiten.
Wo bist Du? Wer ist da? Was passiert? Welche Worte fallen Dir ein?
Du brauchst noch keine schönen Sätze. „Braune Fliesen, Radio, nasse Jacke“ kann als Anfang völlig reichen.
3. Schreibe einen kleinen Ausschnitt.
Versuche nicht, sofort zehn Jahre zu erklären. Bleibe für einen Moment an diesem Ort.
Was tust Du dort? Worauf wartest Du? Was geschieht als Nächstes?
4. Lies erst danach noch einmal.
Wenn Du jeden Satz sofort korrigierst, musst Du gleichzeitig erinnern, erzählen und beurteilen. Das kann anstrengend werden.
Lass die erste Fassung zunächst stehen. Anschließend kannst Du schauen, wo etwas fehlt oder welcher Satz schon genau trifft, was Du sagen wolltest.
5. Frage nach der Bedeutung.
Was beschäftigt Dich an dieser Erinnerung heute?
Vielleicht weißt Du es sofort. Vielleicht auch nicht.
Du musst Deinem Text keine Erkenntnis anhängen, nur damit er fertig aussieht. Eine genau erzählte Szene darf zunächst für sich stehen.
Eine erste Schreibübung: Ein Gegenstand, der geblieben ist
Nimm Dir zehn Minuten.
Wähle einen Gegenstand aus Deinem Leben. Er muss nicht mehr vorhanden sein. Es reicht, dass Du Dich an ihn erinnerst.
Ein Schlüssel. Eine Tasse. Ein Kleidungsstück. Das Fahrrad, auf das Du so stolz warst.
Schreibe zunächst auf, wie dieser Gegenstand aussah und wo er hingehörte.
Dann erzähle von einer Situation, in der er vorkam.
Wer war dabei? Was hast Du damit gemacht? Was war an diesem Tag los?
Wenn Du stockst, kannst Du mit diesem Satz weiterschreiben:
„Was man diesem Gegenstand nicht ansieht, ist …“
Vielleicht führt Dich das zu einer Geschichte. Vielleicht bleiben erst einmal ein paar einzelne Sätze stehen.
Beides ist ein brauchbarer Anfang.
Markiere anschließend die Stelle, bei der Du genauer hinschauen möchtest. Dort könntest Du beim nächsten Mal weiterschreiben.
Muss ich meine Texte jemandem zeigen?
Du darfst zunächst für Dich schreiben.
Es gibt einen Unterschied zwischen etwas aufschreiben und etwas veröffentlichen. Diese Entscheidungen müssen nicht gleichzeitig fallen.
Vielleicht hilft Dir beim ersten Entwurf die Vorstellung, dass niemand mitliest. Später kannst Du entscheiden, ob Du den Text teilst, überarbeitest oder für Dich behältst.
Du bestimmst auch, welche Erinnerungen Du überhaupt aufgreifst. Nicht jede Geschichte muss heute erzählt werden. Und nicht jede muss öffentlich werden.
Wenn Du Rückmeldung möchtest, kann eine konkrete Frage helfen: „An welcher Stelle konntest Du Dir die Situation vorstellen?“ Damit lässt sich meist mehr anfangen als mit einem allgemeinen „Ist das gut?“.
Was von Deinem Leben bleiben darf
Vielleicht findest Du beim Schreiben einen Zusammenhang, den Du bisher übersehen hast.
Vielleicht hältst Du etwas fest, das sonst niemand aufschreiben würde.
Vielleicht entsteht einfach eine Seite, bei der Du denkst: Ja. So war das für mich.
Genau dafür möchte ich Raum schaffen.
Für Lebensgeschichten mit Brüchen, Glück, seltsamen Umwegen und offenen Fragen. Für das, was hinter den Daten eines Lebens steckt.
Wenn Du gemeinsam mit anderen schreiben und genauer hinsehen möchtest, lade ich Dich ein, Deine Geschichte mitzubringen.
Du brauchst noch keinen fertigen Text.
Vielleicht hast Du erst einen Satz.
Der reicht, um anzufangen.
Alles Liebe
Deine Christina

