Wenn Du Deine Lebensgeschichte aufschreiben möchtest, beginne mit einer konkreten Erinnerung, die Dich beschäftigt. Ein überschaubarer Moment reicht: ein Besuch, ein Abschied, ein Satz an einer Tür. Halte zunächst fest, was damals passiert ist. Deinen ersten Text darfst Du später ergänzen, verändern oder an eine andere Stelle setzen. Du brauchst heute noch keinen Anfang für Dein ganzes Leben.
Vielleicht sitzt Du schon eine Weile vor einem leeren Dokument.
Du hast einen Titel eingetragen. Ihn wieder gelöscht. Eine andere Schrift ausprobiert. Dann kurz nachgesehen, wie andere Menschen ihre Lebensgeschichte beginnen.
Jetzt weißt Du, wie sieben fremde Lebensgeschichten anfangen.
Deine eigene hat weiterhin eine Überschrift und sehr viel Platz darunter.
Das Problem ist oft die Größe der Aufgabe.
„Ich schreibe mein Leben auf.“
Da sitzt plötzlich alles mit am Tisch. Die Kindheit. Die Eltern. Die Menschen, die geblieben sind, und die, über die Du eigentlich gar nicht mehr nachdenken wolltest. Drei Umzüge. Eine falsche Entscheidung. Oder war sie im Nachhinein vielleicht doch richtig?
Wo soll man da bitte den ersten Satz hinsetzen?
Dein erster Text muss noch kein Buchanfang sein
Beim Schreiben gibt es zwei verschiedene Anfänge.
Den Anfang, mit dem Du ins Schreiben kommst.
Und den Anfang, mit dem jemand später Deinen fertigen Text liest.
Diese beiden Stellen dürfen weit auseinanderliegen.
Vielleicht beginnst Du heute mit einer Erinnerung an Deinen ersten Arbeitsplatz. Später steht dieser Text in der Mitte eines Kapitels. Vielleicht bleibt er eine einzelne Geschichte. Vielleicht merkst Du beim Schreiben, dass Dich etwas ganz anderes beschäftigt als ursprünglich gedacht.
Das darf passieren.
Ein erster Entwurf muss Dir noch nicht sagen, wohin die ganze Reise geht. Er gibt Dir zunächst etwas, mit dem Du weiterarbeiten kannst.
Deshalb würde ich die Frage kleiner machen:
Welche Situation aus meinem Leben möchte ich heute aufschreiben?
Heute.
Damit wird die Aufgabe überschaubar.
Muss ich mit meiner Geburt beginnen?
Du kannst chronologisch erzählen. Für den Einstieg ins Schreiben ist das aber keine Verpflichtung.
Gerade die Geburt führt schnell zu einer merkwürdigen Aufgabe: Du sollst lebendig über etwas schreiben, an das Du Dich selbst nicht erinnerst.
Dann stehen da Geburtsdatum, Geburtsort und die Namen Deiner Eltern.
Alles richtig.
Aber vielleicht bist Du als Mensch in diesen Sätzen noch gar nicht zu erkennen.
Du könntest genauso gut mit dem Tag beginnen, an dem Du zum ersten Mal allein verreist bist. Mit einem verregneten Sonntag, den Du allein auf der Couch verbracht hast. Mit dem Moment, in dem Du vor Deiner neuen Wohnung standest und der Schlüssel klemmte.
Später kannst Du ergänzen, was Leser über die Zeit davor wissen müssen.
Für den ersten Text hilft eine Situation, in der Du selbst etwas wahrgenommen, getan oder erwartet hast. Dort findest Du eher einen Satz, an dem Du weiterschreiben kannst.
Drei mögliche Einstiege in Deine Lebensgeschichte
Welcher Einstieg passt, hängt davon ab, was Dir gerade zugänglich ist. Vielleicht siehst Du einen Ort deutlich vor Dir. Vielleicht ist von einer ganzen Zeit nur noch ein Gegenstand geblieben. Oder Du hörst einen Satz.
Die folgenden Beispiele sind erfunden. Sie zeigen drei Möglichkeiten, dieselbe Lebensphase zu öffnen: den Auszug eines jungen Menschen aus dem Elternhaus.
1. Beginne mit einem Ort
Ein Ort gibt Deinem Text einen ersten Halt.
Wo stehst Du? Was befindet sich neben Dir? Wohin schaust Du?
Ein möglicher Anfang:
Auf dem Bahnsteig gab es eine Bank aus Metall. Im Winter konnte man kaum darauf sitzen, ohne dass einem sofort kalt wurde. An diesem Morgen blieb ich stehen. Mein Koffer stand zwischen meinen Füßen. Bis zur Abfahrt waren es noch zwölf Minuten.
Wir wissen noch wenig über diesen Menschen. Aber wir können uns vorstellen, wo er ist.
Jetzt lässt sich weiterfragen: Wer hat ihn zum Bahnhof gebracht? Wohin fährt er? Was tut er in diesen zwölf Minuten?
Du musst noch nicht erklären, warum dieser Morgen Dein ganzes Leben verändert hat. Lass zunächst etwas geschehen.
2. Beginne mit einem Gegenstand
Manchmal öffnet ein Gegenstand eine Erinnerung leichter als die Frage nach einem wichtigen Ereignis.
Der erste eigene Schlüssel. Eine Reisetasche. Ein Paar Schuhe, das Du unbedingt haben wolltest.
Im erfundenen Beispiel könnte es so losgehen:
Der Koffer gehörte meiner Mutter. Auf der Unterseite klebte noch ein Aufkleber von einer Reise, die sie lange vor meiner Geburt gemacht hatte. Ich hatte versucht, ihn abzulösen. Eine Ecke war abgegangen. Der Rest blieb.
Hier gibt es schon etwas Konkretes zu erzählen.
Warum wollte die Person den Aufkleber entfernen? Was packt sie ein? Was lässt sie zurück?
Du musst diese Fragen nicht alle beantworten. Nimm diejenige, bei der Dir etwas einfällt.
3. Beginne mit einem Satz, der geblieben ist
Manche Stimmen hören wir noch Jahrzehnte später.
„Nimm eine Jacke mit.“
„Das wirst Du schon sehen.“
„Meld Dich, wenn Du angekommen bist.“
Ein Satz kann alltäglich klingen und trotzdem eine ganze Beziehung berühren.
Zum Beispiel:
„Meld Dich, wenn Du angekommen bist“, sagte mein Vater. Ich nickte. Wir standen neben dem Auto, und ich wartete darauf, dass er noch etwas sagte. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch.
Ein kleiner Vorgang. Eine offene Erwartung.
Für einen ersten Absatz reicht das.
Wenn Du Dich an den genauen Wortlaut nicht erinnerst, kannst Du das kenntlich machen: „Sinngemäß sagte er …“ Oder Du erzählst ohne Anführungszeichen, woran Du Dich erinnerst. Du brauchst keine perfekte wörtliche Rede, um anzufangen.
Welche Erinnerung nehme ich zuerst?
Vielleicht fallen Dir sofort zwanzig Situationen ein.
Vielleicht erscheint Dir jede zu klein.
Für die Auswahl helfen drei Fragen:
- Kann ich einen einzelnen Moment benennen?
- Fallen mir dazu konkrete Einzelheiten ein?
- Möchte ich mich heute damit beschäftigen?
Die dritte Frage gehört dazu.
Du musst Dich zum Einstieg nicht an die Geschichte setzen, um die Du seit Jahren einen Bogen machst. Du darfst mit etwas beginnen, dem Du Dich gerade zuwenden kannst.
Dem ersten selbst gekochten Essen.
Dem kaputten Fahrrad auf dem Schulweg.
Einem Nachmittag, an dem Du irgendwo auf jemanden gewartet hast.
Auch darin kann viel von Deinem Leben stecken. Was genau, wirst Du beim Schreiben vielleicht erst bemerken.
So begrenzt Du Deinen ersten Text
„Meine Ausbildungszeit“ umfasst Jahre.
„Der erste Morgen im Betrieb“ umfasst vielleicht eine Stunde.
„Wie ich vor der verschlossenen Eingangstür stand“ ist noch überschaubarer.
Diese Begrenzung hilft Dir, Entscheidungen zu treffen. Du musst für diesen Text nicht sämtliche Kollegen vorstellen und den weiteren Verlauf Deiner Berufstätigkeit erklären.
Beginne kurz vor dem Moment, um den es Dir geht. Erzähle, was passiert. Höre zunächst dort auf, wo sich die Situation verändert oder endet.
Angenommen, Du schreibst über die verschlossene Tür.
Dann könnte Dein erster Text davon handeln, wie Du ankommst, am Griff ziehst, auf die Uhr schaust und überlegst, ob Du am falschen Eingang stehst. Schließlich öffnet jemand von innen.
Das ist ein brauchbarer Ausschnitt.
Beim Lesen kannst Du anschließend entscheiden, welche Informationen fehlen. Vielleicht müssen wir wissen, dass Du unbedingt pünktlich sein wolltest. Vielleicht genügt es schon, dass Du zum vierten Mal auf die Uhr schaust.
Eine Schreibübung: Fünfzehn Minuten für einen Moment
Nimm Papier oder öffne ein Dokument. Schreibe oben einen Arbeitstitel hin.
„Die verschlossene Tür“ genügt. Der Titel soll Dir helfen, Deinen Text wiederzufinden.
Sammle drei Minuten lang Stichworte.
Wo bist Du? Wer ist da? Was passiert? Welche Einzelheiten fallen Dir ein?
Halte Dich an das, woran Du Dich erinnerst. Unsichere Stellen kannst Du mit einem Fragezeichen markieren.
Schreibe dann zehn Minuten lang.
Beginne mit einem Ort, einem Gegenstand oder einem Satz. Wähle einen Einstieg und bleibe zunächst dabei.
Wenn Du ins Stocken kommst, frage Dich: „Was geschah als Nächstes?“
Du darfst unbeholfene Sätze schreiben. Wiederholungen auch. Für die Überarbeitung gibt es später Zeit.
Lies zum Schluss zwei Minuten lang.
Markiere eine Stelle, bei der Du denkst: Ja, die möchte ich behalten.
Vielleicht ist es eine genaue Beobachtung. Vielleicht ein Satz, der nach Dir klingt. Vielleicht eine Frage, der Du weiter nachgehen möchtest.
Damit hast Du einen Ansatzpunkt für das nächste Mal.
Was mache ich nach dem ersten Text?
Speichere ihn so, dass Du ihn wiederfindest.
Daneben kannst Du notieren, welche weiteren Erinnerungen beim Schreiben aufgetaucht sind. Oft reichen ein paar Wörter: „Busfahrt mit meiner Schwester“, „der Anruf am Sonntag“, „blaue Küchentür“.
Daraus entsteht nach und nach eine Sammlung.
Du musst sie noch nicht ordnen. Du kannst erst einmal herausfinden, worüber Du erzählen möchtest.
Und wenn Du Rückmeldung suchst, stelle eine konkrete Frage: „Wo konntest Du Dir die Situation vorstellen?“ Oder: „Was müsstest Du noch wissen, um mir folgen zu können?“
Beim gemeinsamen Schreiben lässt sich genau dort ansetzen. Bei dem, was schon auf dem Papier steht.
Für heute reicht ein Moment aus Deinem Leben.
Vielleicht die zwölf Minuten auf einem Bahnsteig.
Vielleicht eine Tür, hinter der etwas Neues begann.
Du entscheidest, wo Du hinschaust. Dann schreibst Du den ersten Satz.
Alles Liebe
Christina

