Biografisches Schreiben: 10 Übungen, die Erinnerungen in Geschichten verwandeln

Übungen zum biografischen Schreiben helfen Dir, Erinnerungen zu sammeln, einzelne Situationen genauer zu betrachten und daraus erste Texte zu entwickeln. Dafür brauchst Du weder eine vollständige Lebenschronik noch einen Plan für ein Buch. Ein Wort, ein Foto oder eine vertraute Bewegung kann als Ausgangspunkt reichen. Die folgenden zehn Übungen führen Dich von solchen Fundstücken zu kleinen Geschichten – mit konkreten Anleitungen und überschaubaren Schreibzeiten.

Vielleicht kennst Du das: Beim Aufräumen fällt Dir etwas in die Hände, und plötzlich könntest Du eine halbe Stunde darüber erzählen.

Eine alte Eintrittskarte. Ein Schlüssel, der längst nirgendwo mehr passt. Ein Foto mit einer Frisur, über die wir an dieser Stelle freundlicherweise hinwegsehen.

Du erinnerst Dich.

Wer dabei war. Was Du damals unbedingt wolltest. Warum dieser Abend anders verlief als geplant.

Aber wenn Du Dich hinsetzt und „über Dein Leben schreiben“ möchtest, ist davon erst einmal nichts greifbar.

Deshalb mag ich konkrete Schreibimpulse. Sie geben Dir etwas, bei dem Du anfangen kannst.

Bevor Du loslegst

Wähle eine Übung aus. Du musst diese Sammlung nicht abarbeiten wie eine Steuererklärung.

Die Zeitangaben sind Vorschläge. Schreibe zunächst, ohne jeden Satz zu verbessern. Wo Dir eine Erinnerung fehlt, darf eine Lücke bleiben. Erfinde keine Einzelheiten, nur damit Dein Text vollständiger klingt.

Und: Du entscheidest, womit Du Dich beschäftigen möchtest. Du darfst eine Übung wechseln, aufhören oder einen entstandenen Text ausschließlich für Dich behalten.

1. Erinnerungsbingo: Ein Wort, viele Möglichkeiten

Dauer: 10 Minuten. Schreibziel: Aus freien Einfällen eine konkrete Situation auswählen.

Wähle eines dieser Wörter: Freibad, Sonntagsessen, Schulranzen, Sommerregen, Kassettenrekorder.

Schreibe drei Minuten lang auf, was Dir dazu einfällt. Einzelne Wörter reichen. Gefühle, Menschen, Orte, merkwürdige Kleinigkeiten. Du musst noch keine Geschichte erzählen.

Markiere anschließend einen Einfall, zu dem Du eine Situation vor Augen hast.

Aus „Freibad“ könnte „Pommes“ werden. Und daraus der Nachmittag, an dem Du Dein Geld vergessen hattest und jemand seine Portion mit Dir teilte.

Schreibe die restlichen sieben Minuten über diesen einen Moment. Wer tut was? Was passiert danach?

Der Begriff hat seinen Dienst getan. Jetzt darf Deine eigene Geschichte übernehmen.

2. Beweisstücke: Was man diesem Ding nicht ansieht

Dauer: 15 Minuten. Schreibziel: Einen Gegenstand mit einer persönlichen Erfahrung verbinden.

Lege einen Gegenstand vor Dich, den Du aufbewahrt hast. Vielleicht ein Rezept, einen Brief oder ein ziemlich mitgenommenes Stofftier.

Beschreibe zuerst knapp, was tatsächlich zu sehen ist.

Dann schreibe weiter: „Was man diesem Gegenstand nicht ansieht, ist …“

Erzähle von einer Begebenheit, die erklärt, weshalb Du ihn behalten hast.

„Beweisstück“ ist hier spielerisch gemeint. Der Gegenstand beweist nicht, wie alles gewesen ist. Er gibt Deiner Erinnerung einen konkreten Ausgangspunkt.

Vielleicht ist das Interessante gerade der Widerspruch: Für andere liegt da ein verbogener Löffel. Für Dich gehört er zu einem Menschen, den Du vermisst.

3. Der Weg, den Deine Füße noch kennen

Dauer: 15 Minuten. Schreibziel: Eine Erinnerung über eine räumliche Abfolge erzählen.

Wähle einen früher vertrauten Weg. Zur Schule. Zum Kiosk. Von der Bushaltestelle nach Hause.

Notiere fünf Stellen entlang dieses Weges, soweit Du Dich erinnerst.

Bleibe dann bei einer stehen.

Was hast Du dort getan? Bist Du langsamer geworden? Hast Du auf jemanden gewartet? Die Straßenseite gewechselt?

Erzähle von einem bestimmten Tag auf diesem Weg. Beginne kurz vor der ausgewählten Stelle und schreibe bis kurz danach.

Du brauchst keine lückenlose Straßenkarte. Wichtiger ist, was Du dort erlebt hast. Markiere Unsicherheiten, statt die Umgebung nachträglich passend einzurichten.

4. Ein Foto und das, was außerhalb liegt

Dauer: 15 Minuten. Schreibziel: Sichtbare Einzelheiten von der dazugehörigen Erinnerung unterscheiden.

Suche ein Foto aus Deinem Leben aus.

Beschreibe zunächst nur, was Du darauf erkennen kannst. Eine Person lächelt. Eine Jacke hängt über einem Stuhl. Auf dem Tisch stehen drei Gläser.

Schreibe danach unter der Überschrift „Woran ich mich erinnere“ weiter.

Was geschah vor der Aufnahme? Was danach? Was beschäftigte Dich an diesem Tag?

Achte darauf, ein Lächeln auf dem Foto nicht automatisch mit damaligem Glück gleichzusetzen. Vielleicht erinnerst Du Dich anders. Vielleicht weißt Du es nicht mehr.

Verbinde anschließend eine sichtbare Einzelheit mit Deiner Erinnerung zu einem kurzen Text. Die beiden dürfen einander auch widersprechen.

5. Ein Satz, der geblieben ist

Dauer: 10 Minuten. Schreibziel: Eine Beziehung durch eine konkrete Situation zeigen.

Notiere einen Satz, den Du mit einem Menschen verbindest.

Etwas Liebevolles. Etwas Nerviges. Einen Ausspruch, bei dem Du heute noch die Augen verdrehst.

Schreibe auf, wann dieser Satz fiel und was Du anschließend getan hast. Bleibe möglichst bei einer einzelnen Begebenheit.

Wenn Du nur den ungefähren Inhalt weißt, erzähle ihn sinngemäß, ohne einen exakten Wortlaut vorzutäuschen.

Versuche zunächst, auf eine ausführliche Charakterbeschreibung zu verzichten. Lass die Person sprechen oder handeln.

Vielleicht erfahren wir dadurch mehr über sie als durch den Satz: „Meine Tante war ein besonderer Mensch.“

Besonders wie?

Genau dort beginnt Deine Geschichte.

6. Hände bei der Arbeit

Dauer: 12 Minuten. Schreibziel: Einen Menschen durch vertraute Handlungen beschreiben.

Denke an jemanden bei einer alltäglichen Tätigkeit.

Brot schneiden. Haare flechten. Ein Fahrrad reparieren. Wäsche zusammenlegen.

Notiere drei Bewegungen, an die Du Dich erinnerst. Schreibe dann einen kurzen Abschnitt darüber, wie Du diese Person beobachtet oder ihr geholfen hast.

Ein erfundenes Beispiel:

Mein Vater hielt den Fahrradschlauch ans Ohr und drückte ihn zusammen. Dann reichte er ihn mir. Ich sollte hören, wo die Luft herauskam. Ich hörte nichts. Er holte eine Schüssel Wasser, und wir tauchten den Schlauch Stück für Stück hinein. Als die Bläschen kamen, wollte ich unbedingt selbst den Flicken aufkleben.

Hier steht nicht: „Mein Vater brachte mir geduldig Dinge bei.“

Wir sehen eine gemeinsame Tätigkeit. Das Weiterreichen. Die Schüssel. Den Wunsch, selbst etwas zu machen.

Für Deinen Text nimmst Du natürlich die Handlungen, an die Du Dich tatsächlich erinnerst. Auch Ungeduld oder Schweigen dürfen darin vorkommen.

7. Fünf Minuten vor der Entscheidung

Dauer: 15 Minuten. Schreibziel: Eine Entscheidung aus der damaligen Situation heraus erzählen.

Wähle eine Entscheidung, über die Du heute schreiben möchtest. Sie muss nicht weltbewegend gewesen sein.

Vielleicht hast Du jemanden angerufen. Eine Bewerbung abgeschickt. Bist doch noch in den Zug gestiegen.

Beginne kurz davor.

Wo bist Du? Was liegt vor Dir? Welche Möglichkeiten siehst Du zu diesem Zeitpunkt?

Schreibe bis zu der Handlung, mit der Du Dich entscheidest. Den Anruf. Den Klick. Den Schritt in den Zug.

Lass das spätere Ergebnis zunächst weg. Damals konntest Du schließlich noch nicht wissen, was daraus werden würde.

So bekommt auch das Zögern seinen Platz.

8. Damals dachte ich. Heute denke ich.

Dauer: 15 Minuten. Schreibziel: Frühere Wahrnehmung und heutige Einordnung nebeneinanderstellen.

Wähle eine überschaubare Erinnerung.

Schreibe zunächst einen Absatz mit dem Anfang: „Damals dachte ich …“

Was war für Dich selbstverständlich? Was hast Du erwartet? Was konntest Du noch nicht einordnen?

Beginne einen zweiten Absatz mit: „Heute denke ich …“

Vielleicht verstehst Du manches anders. Vielleicht bist Du Dir heute weniger sicher als damals.

Lies beide Absätze und ergänze eine konkrete Situation, auf die sich Deine Gedanken beziehen. So bleiben sie mit Deinem Leben verbunden.

Versuche, Deinem früheren Ich nicht ständig über die Schulter zu schimpfen. Es musste ohne Dein heutiges Wissen zurechtkommen.

9. Ein gewöhnlicher Dienstag

Dauer: 20 Minuten. Schreibziel: Den Alltag einer Lebensphase festhalten.

Wähle einen früheren Lebensabschnitt und beschreibe einen typischen Tag.

Wie begann er? Was gab es zu essen? Welche Wege, Pflichten und kleinen Freuden gehörten dazu?

Kennzeichne den Text als Beschreibung eines üblichen Tages, etwa mit: „An Schultagen lief es meistens so …“ Damit machst Du deutlich, dass Du keine einzelne, exakt erinnerte Begebenheit erzählst.

Suche anschließend eine Gewohnheit heraus, die Dir besonders auffällt, und beschreibe sie genauer.

Vielleicht das Warten, bis das Badezimmer frei wurde.

Vielleicht das Radio beim Abendessen.

Was damals kaum erwähnenswert schien, möchtest Du heute womöglich gerade deshalb bewahren.

10. Ein Text für jemanden, der nicht dabei war

Dauer: 20 Minuten. Schreibziel: Aus einem Erinnerungsentwurf eine verständliche kleine Geschichte machen.

Nimm einen Text aus einer der vorherigen Übungen.

Stelle Dir einen wohlwollenden Menschen vor, der die beteiligten Personen und Orte nicht kennt. Lies Deinen Entwurf aus dieser Perspektive.

Prüfe: Wird deutlich, wo Du bist? Wer ist dabei? Was geschieht? Welche Erklärung fehlt wirklich?

Ergänze die nötigen Informationen. Streiche Wiederholungen. Wähle einen Schluss an der Stelle, an der die kleine Begebenheit endet.

Lies den Text laut. Wo stolperst Du? Welcher Satz klingt nach Dir?

Bewahre auch die erste Fassung auf. Du musst beim Überarbeiten nicht alles ersetzen, was vorher da war.

Was Du mit Deinen Texten machen kannst

Nach einer Übung liegt vielleicht eine halbe Seite vor Dir. Vielleicht sind es nur sechs Sätze, von denen Dir einer gefällt.

Das ist Material, mit dem Du weiterarbeiten kannst.

Gib dem Text einen einfachen Titel und notiere, falls sinnvoll, die ungefähre Lebensphase. Halte offene Fragen getrennt fest. So musst Du nicht bei jedem unbekannten Datum das Schreiben unterbrechen.

Wenn Du gemeinsam mit anderen weiterschreiben möchtest, bring einen solchen Entwurf mit. Im Austausch lässt sich entdecken, wo jemand mitgeht, nachfragt oder noch etwas wissen möchte.

Erst der Mensch. Dann die Form.

Deine Erinnerung muss sich nicht sofort in ein Buchkapitel verwandeln. Sie darf zunächst ein kleiner Text sein, in dem etwas von Deinem Leben erkennbar wird.

Etwas, das vorher noch nirgendwo stand.

Alles Liebe
Christina

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen