
Pflicht.
Verpflichtung.
Ich verpflichte mich.
Ich fühle mich verpflichtet.
Verpflichtungen aus Moralvorstellungen, aus religiösen Dogmen heraus oder aus alten Erziehungsbildern stelle ich in Frage.
Doch ich achte Verpflichtungen aus Verträgen, die ich schließe. Ich achte Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber, in der mich entschieden habe, zu leben. Ich achte meine Verpflichtungen gegenüber meinen Kindern. Ich achte meine Verpflichtung mir selbst gegenüber.
Ich bin nicht der Ansicht, dass ich NUR mir selbst verpflichtet bin.
Diese Haltung entspringt einem egozentrischen Weltbild. Wer sich ausschließlich sich selbst gegenüber verpflichtet fühlt UND dementsprechend handelt, handelt in meinen Augen asozial.
Ich fühle mich Menschen gegenüber verpflichtet.
Das heißt nicht, dass ich denke und meine, was andere denken und meinen. Sondern es heißt, dass ich meine Entscheidungen und mein Handeln reflektiert anpassen kann, um die Grundstruktur einer demokratischen Gesellschaft aufrecht zu erhalten.
Wer dazu nicht in der Lage ist, denkt nicht erwachsen, sondern lebt in der kindlichen Allmachtsfantasie auf der Bewusstseinstufe eines etwa 5-jährigen. Das scheint derzeit ein beliebter Rückzugs- und Fluchtort zu sein, wenn man sich den eigenen Ängsten, die die Realität auslöst, nicht stellen will. Plötzlich werden die Monster unter dem Bett wieder lebendig und man ist absolut davon überzeugt, dass das wahr ist. Logik? Wissenschaftliche Erklärungen? Fehlanzeige. Beim 5-jährigen entspricht das der Entwicklung. Beim 40-jährigen – naja, wir durchlaufen Entwicklung nicht alle gleich schnell und machen in krassen Situationen auch Rückschritte.
Es ist ja gut und schön, dass man „sich seine eigene kleine Welt so macht, wie sie einem gefällt“, es ist wunderbar, das eigene Leben aktiv und kreativ zu gestalten. Aber zu glauben, man könne alle Rechte eines Systems genießen und sich dabei aber aller Verpflichtungen entziehen entspricht dem Horizont eines trotzigen Kindes, das jeden Tag Abendessen haben, aber nie abspülen will. Oder vielmehr, das einfach nicht einsieht, dass Abspülen notwendig ist.
Wie löse ich das als Mutter? Das berühmte „lass alles einfach stehen bis es stinkt, dann machen sie es irgendwann“ (das im Übrigen auch viele Frauen mit ihren Männern ausprobieren) funktioniert meiner Erfahrung nach nicht. Zum einen, weil es mir in der Zwischenzeit dabei selbst entsprechend schlecht geht (ich hasse Gestank und Ekel ist nicht umsonst ein Warnsignal meines Körpers) und im besten Fall wird dann mal ein „notwendiger“ Teller schnell gespült, wenn man ihn gerade braucht. Der Rest bleibt weiter stehen.
Ich erkläre meinen Kinder also lieber ausdrücklich, wie sehr ihr Verhalten mich beeinträchtigt und wenn ich im Vorfeld dafür gesorgt habe, dass auch ihre Bedürfnisse respektiert wurden, nehmen sie das auch an. Keiner von den Beiden hat deswegen plötzlich „super Bock auf Abspülen“, aber sie machen es und zwar ohne schlechte Laune.
Der Fisch stinkt immer vom Kopf.
Viele Eltern wollen sich nicht eingestehen, wie wenig sozial ihre Nachkommen von ihnen selbst erzogen wurden. Die Politiker werden vermutlich nicht einsehen, dass sie oft genug ihre Verpflichtungen dem Volk gegenüber missachtet haben. Denn leider hatten auch sie selbst Eltern, die mit Zwang oder emotionaler Erpressung gearbeitet und ihre Bedürfnisse wenig geachtet haben.
So hat „das ist Deine Pflicht!“ eine extrem negative Färbung und Menschen reagieren fast schon allergisch, wenn man ihnen mit diesem Wort kommt.
Das Ergebnis von alledem sehen wir gerade. Eine neue Pflicht, die zur Debatte steht, löst Aufschreie und Entsetzen aus: Schon wieder eine Pflicht? Reitet man auf dem Buckel des kleinen Mannes in diesem Land nicht schon genug? Sind wir nicht schon genug geknechtet mit all den Verpflichtungen tagaus tagein? Ich sehe überhaupt nicht ein, dass mich jemand zu etwas ZWINGT!
Aha, da haben wir es, das böse Wort, dass im Kopf fest mit Pflicht verbunden ist: der Zwang!
Wir lernen nicht, dass Verpflichtung auch etwas Gutes ist, wenn uns selbst und unserem Wohl als Mensch gegenüber sich niemand von Herzen je verpflichtete. Wenn wir jeden Tag hören, dass Montag blöd und Freitag gut ist, weil die Pflicht zur Arbeit zu gehen einfach fürchterlich ist, dann ist Pflicht = Zwang. Wir können ja schließlich gar nicht anders. Wir sind Opfer des Systems.
Die Kunst und Lösung ist vermutlich, erwachsen zu werden, Verantwortung zu übernehmen und sich gerne zu verpflichten. Selbst dann, wenn einem nicht immer in den Kram passt wofür. Das wäre dann sozial und demokratisch. DAS kriegt aber selbst die SPD nicht immer hin. ![]()
Und Egozentriker, die glauben die ganze Welt drehe sich nur um ihr persönliches Seelenheil, schon gar nicht.
Ich fühlte mich heute übrigens verpflichtet, diese Zeilen zu schreiben. Es war mir ein Vergnügen. ![]()
Alles Liebe
Christina

