Es war einmal ein starker Mann und eine starke Frau, die sich liebten.

Eines Tages geschah es, dass sie einen schweren Sack voller Steine einen Berg hinauftragen mussten.

Doch sie wussten, dass sie es gemeinsam schaffen würden, denn sie hatten in der Vergangenheit schon vieles gemeinsam bewältigt.

Also bereiteten sie sich auf diesen sehr langen und schwierigen Weg vor.

Sie nahmen 2 Rucksäcke und verteilten die Steine gleichmäßig. In jeden Rucksack legten sie gleich viele Steine.

Da sagte die Frau: „Ich bin kurz weg und packe uns noch etwas zu Essen und zu Trinken ein.“ und ging aus dem Zimmer.

Der Mann aber nutzte die Gelegenheit und packte einige der Steine aus dem Rucksack der Frau wieder aus und legte sie zu sich in den Rucksack. Schließlich war sie ja eine Frau und körperlich nicht ganz so kräftig wie er und außerdem liebte er sie und wollte ihr den Weg ein wenig erleichtern.

Anschließend gingen sie zu Bett. Am nächsten Morgen sollte es losgehen.

Doch als es Mitternacht war und die Frau sicher war, dass ihr Mann schlief, schlich sie sich kurz aus dem Zimmer und ging zu den Rucksäcken.

Sie packte einige der Steine aus dem Rucksack des Mann aus und legte sie in ihren. Schließlich war sie eine Frau und viel zäher, dachte sie sich. Und außerdem liebte sie ihren Mann und wollte ihm den Weg etwas erleichtern.

Am nächsten Morgen schulterten sie ihre schweren Rucksäcke und zogen los.

Die ersten Stunden kamen sie noch gut voran, aber als es langsam Mittag wurde und der Weg immer steiler, litten beide sehr unter der gleißenden Hitze der Mittagssonne. Also schlug er ihr eine Mittagspause unter einem großen schattenspendenden Baum vor, weil er dachte, dass sie bestimmt eine Pause brauchen würde.

Als der Mann sich dabei kurz „in die Büsche“ verzog, nutzte die Frau die Gelegenheit und packte heimlich noch ein paar mehr Steine von seinem Rucksack in den ihren. Schließlich hatte er die Mittagspause vorgeschlagen, er schien also schon sehr geschwächt zu sein.

Wenig später kam der Mann wieder und er sagte zu seiner Frau: „Meine liebe Frau, würdest Du uns etwas Wasser von dem Bach da drüben holen? Unsere Flasche ist schon fast leer.“ Das machte sie natürlich gerne und ging hinüber zu dem Bach.

Währenddessen nutzte der Mann die Gelegenheit und packe ein paar Steine von dem Rucksack der Frau in den seinen. Er wollte ihr den weiteren Weg doch noch etwas leichter machen, schließlich liebte er sie doch so sehr und konnte kaum zusehen, wie sie sich so quälte.

Als die Frau wiederkam, legten sie sich eine Weile unter den Baum und schliefen ein Stündchen.

Als die schlimmste Mittagshitze vorbei war, gingen sie weiter.

Sie waren nicht lange gegangen, da sagte die Frau: „Wow, diese Steine sind echt schwer mit der Zeit, nicht wahr?“

Und der Mann grummelte nur: „Ja, das sind sie.“ Und er dachte bei sich: Aber Du trägst ja eh nicht so schwer wie ich!

Die Frau wunderte sich indes, warum ihr Mann so grummelig war, er trug doch eh nicht so schwer wie sie.

So gingen sie, jeder in seinen eigenen Gedanken, eine lange Zeit weiter.

Plötzlich stolperte die Frau. Sie fiel hin und schürfte sich das Knie auf.

Ihr Mann half ihr dabei, wieder auf die Beine zu kommen und dachte bei sich: Bei der nächsten Gelegenheit werde ich ihr noch ein paar Steine abnehmen, es ist einfach zu schwer für sie.

Er sagte: „Lass uns bei nächster Gelegenheit eine Rast machen, dann wird es für Dich leichter.“ „Warum wird es dann für mich leichter?“ fragte die Frau. „Weil… ähm… Du dann Dein Knie etwas ausruhen kannst!“ Beinahe hatte er sich verplappert.

Als sie an einer Hütte ankamen und die Frau mal kurz „hinter die Hütte“ hing, packte der Mann nochmal 3 Steine von dem Rucksack der Frau in den seinen.

Doch seine Frau hatte seinen Plan durchschaut und beobachtete ihn heimlich dabei. Sie war einerseits sehr gerührt davon, dass ihr Mann ihr den schweren Rucksack erleichtern wollte. Doch andererseits hatte sie auch das Gefühl, dass ihr Mann ihr weniger zutraute. Dabei, dachte sie sich weiter, wusste er ja gar nicht, dass ohnehin sie schon die ganze Zeit den schweren Rucksack trug! Jetzt fühlte er sich womöglich noch als Held dieser ganzen Sache!

Also stellte sie ihn zur Rede: „Warum hast Du das gemacht? Denkst Du ich schaffe meine Steine nicht zu tragen?“ „Natürlich schaffst Du das“ antwortete der Mann „aber Du hast es doch eh schon schwer genug mit Deinem Knie!“

„Schwer genug mit meinem Knie? Also ich sag Dir jetzt mal was…. Du hast ja keine Ahnung…!“

„Nein, Du hast keine Ahnung!“ unterbrach sie der Mann, drehte sich um, packte seinen Rucksack auf die Schultern und ging los.

Grimmig ging im die Frau mit ihrem Rucksack hinterher. Die paar Steine, die er rausgenommen hatte, das machte eh nicht viel Unterschied dazu, was sie ihm schon abgenommen hatte.

Also liefen sie beide schweigend und wütend weiter den Berg hinauf, jeder in der festen Überzeugung, die schwerere Last zu tragen.

Sie hatten sich beide gegenseitig geschwächt.

Aus Liebe. Natürlich.

2 Kommentare zu „Die Steine“

  1. Manuela Dreier

    Die beiden hätten nur mal reden müssen. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Lehrreiche Geschichte. Und wie immer , wenns von Dir kommt, gut geschrieben.

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